Egoismus und Liebe gehören nicht zusammen. Im Gegenteil, man ist entweder das eine, oder man kann das andere. Das ist die gängige Meinung gegenüber diesen beiden Verhaltensweisen.

 

Was würde aber geschehen, wenn beides zusammen der Schlüssel zum Glück wäre? Wenn eine erfüllte Liebe nur auf Grund eines gesunden Egoismus geschehen könnte?

 

Genau das behaupte ich hier, allerdings möchte ich erst einmal die beiden Begriffe erklären.

 

Die gängige Definition von Egoismus ist das rücksichtslose Streben nach dem eigenen Vorteil. Egoistisches Verhalten wird sehr negativ bewertet und deutet auf mangelnde Empathie, und aber auch auf ein mangelndes Selbstwertgefühl hin.

 

Die Ichsucht ist wie jede andere Sucht auch eine krankhafte Suche nach einem bestimmten Gefühl. Hier ist es nach dem Gefühl, ein „Ich“ zu sein. Gesucht wird im Aussen, und alles Greifbare dient dazu, das eigene Ego zu füttern. Diese Form von Egoismus ist zerstörerisch und basiert auf einem Ungleichgewicht. Die radikale Neigung, sich selber stets in den Vordergrund zu stellen, entstammt dem Bedürfnis nach Zuneigung und Anerkennung. Und genau in dem Wort Bedürfnis steckt der Haken: Bedürftigkeit, die Notwendigkeit, etwas zu erhalten. Egoismus ist keine Stärke, sondern eine Abhängigkeit.

 

Warum soll also Egoismus zu mehr Glück in der Liebe verhelfen?

 

Nehmen wir mal die Sucht aus der Ichsucht und verwandeln wir sie in etwas Gesundes. Bringen wir die Ich-bezogenheit in ein Gleichgewicht, kommen wir zum gesunden Egoismus.

 

Könnte man nicht gleich von Selbstliebe oder Selbstfürsorge sprechen?

 

Ja, an sich schon. Aber für viele Frauen, mit denen ich arbeite, sind diese Begriffe zu sanft. Ab wann jemand genau egoistisch ist, ist fast immer eine Frage des Ermessens. Ich kenne genügend Fälle, in denen dieses Selbstermessen nicht hilfreich ist.

 

  • Ist es egoistisch, ab und zu eine Pause von den eigenen Kindern haben zu wollen?

 

  • Ist es egoistisch, den Abend lieber alleine mit einem Buch als mit dem Partner an einer Bar verbringen zu wollen?

 

  • Ist es egoistisch, kein Sex zu haben, wenn einem nicht danach ist?

 

  • Ist es egoistisch, einen Platz für sich zu beanspruchen?

 

  • Ist es egoistisch, etwas anderes zu wollen?

 

  • Ist „wollen“ überhaupt egoistisch?

 

Hm. Also bei solchen Fragen reicht es einfach nicht, zu sagen „Schau zu dir, pass auf dich auf, liebe dich selbst!“ – ok, aber WIE DENN?!?

 

Es geht nicht, für alle da zu sein und dann noch ein bisschen für sich selber zu schauen, wenn alle anderen bedient wurden. Dieses kleine übriggebliebene Restchen Platz reicht nicht aus!

 

Nein! Sei komplett arschlochmässig egoistisch, Frau!

 

Weil was dann dabei rauskommt ist, dass du vielleicht mal erkennst, was DU eigentlich willst (und dich vielleicht total egoistisch dabei fühlst, na und??), und erst DANN auf die Bedürfnisse der anderen eingehst. Und DAS ist Selbstfürsorge.

 

 

Mit gesundem Egoismus meine ich also die Fähigkeit, sich selber an erste Stelle zu setzen, wenn man sonst eher dazu tendiert, NUR die Bedürfnisse anderer zu sehen. Die eigenen Bedürfnisse wahr und ernst zu nehmen, ist eine Fähigkeit! Keine Schwäche. Diesen Bezug zu sich zu haben, sich selber spüren, kennen, die innere Stimme hören und im Einklang mit sich leben. All dies kann erst auf der Grundlage eines Ich-Gefühls entstehen. Deshalb brauchst du ein Ego, um überhaupt etwas zu fühlen.

 

Und wie willst du lieben, ohne etwas zu empfinden?

 

Liebe ist nicht, das „Richtige“ zu machen, gut zu sein oder die Zuneigung von jemandem zu verdienen, sie ist keine Währung. Liebe ist die Verbindung zwischen zwei Menschen. Eine Verbindung und eine Verbundenheit, die beide spüren, unabhängig davon, was der andere macht, unabhängig von der Qualität, ob die Liebe gerade voller Schmetterlinge ist oder so schmerzhaft wie noch nie – es ist immer die selbe Verbindung. Das ist meine Erfahrung von wahrer Liebe. Und wahrscheinlich hast du, wie ich es auch jahrelang getan habe, das wichtigste Wort gerade überlesen.

 

UNABHÄNGIG.

 

Liebe ist UNABHÄNGIG.

 

 

 

In der Freiheit liegt die wahre Fähigkeit, zu lieben. Liebe ist wollen, nicht brauchen. Freiheit bedeutet, in sich vollständig zu sein, nicht bedürftig zu sein, eine eigenständige Identität zu haben. Und auf dieser Grundlage ist erst die wahre, erfüllende Begegnung mit einem anderen Menschen möglich.

 

Also Ladies, pflegt eure Egos! Baut sie auf, hört auf sie, nehmt sie ernst. Nur wenn du ein ICH hast, kann jemand anderes mit DIR zusammensein, anstatt mit deiner Funktion.

 

Dein ICH ist dein kostbarstes Gut.