Ich versuche immer noch den Frauenstreik vom 14. Juni 2019 zu verarbeiten. Es war grossartig, aber auch bestürzend, dabei zu sein.

Zwei Fragen bleiben für mich offen.

Der Tag war an sich wunderbar, bereichernd, bestärkend und inspirierend. Mit 40’000 anderen Frauen und Männern auf der Strasse zu sein und gemeinsam für mehr Wertschätzung und Respekt ein zu stehen ist einfach grossartig.

Ich danke den Frauen, die da waren und ihre Power und Solidarität gezeigt haben. Ihr seid stark! Ihr seid schön! Wow!!

Und ich danke den Männern, die mitgelaufen sind, die Kinder betreut haben, die Essen gemacht und aufgeräumt haben. Ohne euch gibt es keine Gleichstellung!

Und trotzdem gab es Vorfälle an diesem Tag, die mich immer noch sehr nachdenklich stimmen.


Zum einen gab es den Mann im Coop, der den nackten Bauch einer Freundin von mir anschaute und sagte: „Iiiih, so gruusig, so en Buuch will niemer gseh!“
What??
Genau. Genau aus diesem Grund wurde dieser Bauch an diesem Tag gezeigt. Und genau aus diesem Grund wird dieser Bauch sonst immer unter einem Badekleid statt Bikini versteckt. Nicht, weil er nicht schön ist. Er ist wunderschön und hat schon zwei Kinder beheimatet. Nein, er wird versteckt aus Angst, andere könnten ihn unschön finden und sich dadurch gestört fühlen. Weibliche Selbstzensur durch Scham. Und dieser Typ in der Schlange, der selbstgefällig genau dieses Schamgefühl bei einer jungen Mutter einforderte…
What?? 

Und dann gab es diesen Mann, plusminus dreissig, mit basler Akzent und arabischem Teint, den runden Bauch in einen schicken Anzug gezwängt. Der auf einmal vor mir und meiner Freundin stand, als wir mit unseren Kindern auf einer Treppenstufe sassen und auf die anderen warteten.
Er schaute zu uns herunter, und meinte grinsend:

„Ihr Fraue sind scho rächt dumm.“

What?? Wie bitte?

„Was machet ihr do uf dr Strooss? Nur Lärm und blockieret dr ganzi Verkehr. Dir händs nümm alli. Ich mues jetzt do ufe laufe. Ich ha hüt gnueg Stunde gschafft und will jetzt mini Ruhe und mich erhole. Ich ha wenigschtens gschafft. Dir ghöret ind Kuchi, dir sind für sunscht nüt guet! Koche, putze, öbbis anders chönnet ihr gar nid…“ er redete einfach weiter, liess sich nicht ignorieren.

Ich stand auf und sagte ihm, er müsse sich heute, an diesem Tag echt die blöden Sprüche verkneifen. Heute müsse er nicht mit sowas kommen. Und als er nicht aufhören wollten, wurde ich immer lauter. Bald war es schon „Du chasch dini Meinig neh und dir in Arsch schiebe, in din ARSCH, wo si aangehört! HAU AB!“
Fünf Kinder zwischen 3 und 10 hörten geschockt zu. Auch die Leute auf der Strasse hörten mit. Standen da. Schauten zu.

Er wollte nicht aufhören, blieb hartnäckig vor uns stehen, um seine Tirade über uns zu ergiessen. Diesen Gefallen tat ich ihm nicht und fiel ihm stets ins Wort. „Fuck you!“ schrie ich, und hielt ihm mein Plakat vor die Nase, drängte ihn damit zurück und weg von den Kindern.
Endlich ging er weiter, schrie uns immer noch nach und ich zurück. Er sei nicht so dumm wie wir. Er hätte zwei Klassen übersprungen, er hätte keinen schlechten IQ. Mein Gott wie armselig. (Meine zehnjährige Tochter meinte später trocken dazu: „Er hätte lieber die zwei Klassen gemacht, dann wäre er vielleicht schlauer.“ Ha!)

 

Es beschäftigen mich zwei Sachen. Immer noch.

Erstens, wie bedroht müssen sich diese vereinzelten Männer fühlen, dass sie am Frauenstreik auftauchen und auf diese Weise den Mund aufreissen? Was treibt sie dazu, auf so verzweifelte Art und Weise zu provozieren?
In Zurich fuhr ein Mann mit seinem Auto in die Menge hinein. In Bern wurde eine Frau mit Kot beschmissen. Was ist da eigentlich los?!? Ich bin sprach- und antwortlos.

Und zweitens: als zwei sitzende Frauen mit fünf Kindern von einem Mann offen beschimpft und bedrängt wurden und sich lautstark wehrten, reagierten alle Umstehenden genau…

… GAR NICHT.

Am Tag der Solidarität. Des Frauenstreiks. Niemand. Nichts.
Niemand stellte sich hinter uns. Niemand sagte was. Niemand filmte. Niemand schlichtete.
Es kam auch niemand hinterher auf uns zu, um zu fragen, was geschehen war. Ob es uns gut ginge. Niemand. Sie schauten einfach zu. Und dann liefen sie weiter.
War es ihnen peinlich? Fanden sie es hysterisch? Unverhältnismässig? Dachten sie, wir könnten uns ja selber wehren, so wie es aussah? Oder dachten sie, ich hätte bestimmt etwas provozierendes gesagt, sonst hätte kein müder Arbeitnehmer einen Streit mit uns gesucht?
Warst du dabei? Mich würde es echt interessieren, was da in den Köpfen der umstehenden Leute geschah.

 

Ich frage mich:
Wo ist der Zusammenhalt jetzt, nach der Demo, nach der Euphorie? Wo sind die, die ihre Werte auch im Alltag vertreten wollen? Können? Wie wollt ihr das eindrucksvoll Verlangte jetzt jeden Tag verwirklichen? Wie wollt ihr das tun, ohne euren Mund auf zu machen?

Nach dem kraftvollen Auftritt von über einer halben Million Menschen schweizweit, die Diskriminierung, Chauvinismus und die Benachteiligung der Frau nicht mehr hinnehmen wollen, bin ich tatsächlich geschockt und auch enttäuscht, wie wenig Rückgrat in der Gesellschaft vorhanden war ein paar Stunden später.

Ich muss leider annehmen, dass unsere Erlebnisse an dem Tag zwar die Ausnahme, aber keine Einzelfälle waren.

Für alle die, die sowas erlebt haben, an diesem oder an anderen Tagen: Ich solidarisiere mich!

Ergreife das Wort. Sei laut. Sei lauter!

 

Jetzt kommen die nächsten 364 Tage...

Am 14. Juni 2019 haben sich alleine in Basel 40’000 Menschen auf den Strassen versammelt. Schweizweit waren es über eine halbe Million. Wie nehmen wir dieses grossartige Gefühl der Gemeinschaft und des Wandels zum Besseren mit in unseren Alltag? Wie stehst du jeden Tag ein für deine Werte?

Mein Fazit: 

Der Frauenstreik 2019 war nötig. Er war mächtig. Es wird Veränderung geben. Ja, da bin ich sicher. 

Jetzt will ich wissen, wie bereit wir tatsächlich sind, Gleichstellung zu leben.

Wer von uns wagt sich aus der Komfortzone heraus? 

Wird es einen dritten Frauenstreik in der Schweiz brauchen?

Für was werden meine Töchter und mein Sohn auf die Strasse gehen? 

Jetzt liegt es an uns, die Veränderung nicht nur zu fordern, sondern die Veränderung zu sein. Das hat mit Verantwortung, Mut und Solidarität zu tun.